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Was ÄrztInnen über Trauma wissen sollten(erschienen in ÄRZTEMAGAZIN Ausgabe 22/29. Mai 2008)Schon die Definition des Traumas ist wichtig für die
Herangehensweise. Aus Sicht der Autorin ist eine Definition, die sowohl
physiologische als auch psychische Aspekte berücksichtigt, am
Sinnvollsten.
Ein Trauma führt zu tief greifenden Veränderungen
der Physiologie, der Gedächtnisstruktur und des Verhaltens der
Betroffenen – und es führt auch häufig zu bestimmten
Krankheitsbildern. Daher ist es für uns ÄrztInnen wichtig,
Grundkenntnisse über die Forschungsergebnisse der Psychotraumatologie aus
den letzen 20 Jahren zu haben. 1.
Definition des Traumas In der Psychotraumatologie wird – im Gegensatz zu anderen Definitionen, z.B. aus dem Bereich der Psychoanalyse, der Psychotherapie oder der Unfallchirurgie – ein Trauma definiert als „ein belastendes Ereignis oder eine Situation außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigen Ausmaßes (kurz oder lang anhaltend), die bei fast jedem Menschen eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde“. Nach dem DSM-IV haben die Betroffenen die Erfahrung von Todesbedrohung, Lebensgefahr oder starker Körperverletzung gemacht bzw. die Bedrohung der eigenen körperlichen Unversehrtheit oder der einer anderen Person erlebt. Eine wichtige Erweiterung der Definition lautet: „Trauma ist eine Erfahrung, die die individuellen Fähigkeiten eines Menschen, etwas auszuhalten, massiv überfordert; es übersteigt die individuelle Bewältigungskapazität, die Resilienz.“ Die darauf folgende Störung und deren Ausmaß wird damit nicht allein durch das Trauma an sich definiert, sondern vielmehr auch durch die individuelle Reaktion darauf, die eventuell auch auf eine unzureichende Verarbeitungsfähigkeit hinweisen kann. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Einfachtrauma, Mehrfachtrauma und Entwicklungstrauma: Ein Einfachtrauma ist etwas Einmaliges, das einer Person widerfährt, eine Unterbrechung der Normalität. Bei einem Entwicklungstrauma könnte man die kontinuierliche traumatische Erfahrung, der ein Kind ausgesetzt ist, die von Vernachlässigung bis zu Misshandlungen und sexueller Gewalt im Rahmen der Familie reichen kann, als traumatische Normalität bezeichnen. Auch die Unterscheidung in unpersönliches Trauma (z.B. Naturkatastrophe), interpersonelles Trauma („man-made“) und Bindungstrauma, also durch nahe stehende Personen verursacht, ist sinnvoll. Traumatisierend
wirkt nicht nur die Bedrohung der körperlichen Integrität, sondern auch
die Bedrohung der fundamental menschlichen Erfahrung, eine autonom
handelnde und denkende Person zu sein. Und auch das Miterleben eines
Traumas, das einer anderen Person zustößt oder das ich als ÄrztIn oder
PsychotherapeutIn erzählt bekomme, kann traumatisierend wirken – man
spricht hier von einem „Sekundärtrauma“. 2.
Trauma-bedingte Veränderungen der Physiologie 2.1
Pathomechanismen Selye
verdanken wir die Erkenntnis, dass bei Stress
eine typische Sequenz physiologischer Reaktionen abläuft: Die Einwirkung
eines Stressors auf den Organismus führt (u.a.) zur Aktivierung des
Sympathikus und damit zur Ausschüttung von Adrenalin und – durch die
Aktivierung der Hypothalamus–Hypophysen–Nebennieren-Achse – zur
Ausschüttung von Kortisol. Tiere in freier Wildbahn sind häufig lebensbedrohlichen Gefahren ausgesetzt, werden jedoch nicht nachhaltig traumatisiert. Sie verfügen über angeborene Mechanismen, die es ihnen ermöglichen, die hohe, im Überlebenskampf mobilisierte Trauma -Energie wieder abzubauen. Wir Menschen sind mit grundlegend gleichen Regulationsmechanismen ausgestattet, doch wird die Funktionsfähigkeit dieser instinktgeleiteten Systeme häufig durch die Umgebung und den „rationalen“ Teil unseres Gehirns gehemmt und außer Kraft gesetzt. Eine posttraumatische Störung kann man somit auch als Störung des Regulationsmechanismus des autonomen Nervensystems in der Folge einer starken Bedrohung interpretieren. Die instinktiven, biologischen Überlebensmechanismen (Kampf, Flucht und Immobilität/Erstarrungsreaktion) werden zwar initiiert, kommen aber nicht zum Abschluss. Wenn
die im „Freeze“ aufgetretene maximale Erregung des Sympathikus und
Parasympathikus nicht abgeführt werden kann, weil nicht ideale
Umweltbedingungen von Halten, Sicherheit, Rückzugsmöglichkeit bestehen,
die für Selbstregulation erforderlich sind, kommt es zu einer
Chronifizierung; der Organismus hat nicht die Möglichkeit, aus dieser
vegetativen Übererregtheit und Reaktionsstarre herauszukommen und bleibt
im persistierenden Hyperarousal.
Damit entwickelt sich eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS; auf
Englisch: Post-Traumatic Stress Disorder – PTSD). Oft
aktiviert dann jeder banale Reiz erneut die Erstarrungsreaktion; und bei
jedem erneuerten Erleben der Erstarrungsreaktion addiert sich die zur
„Bewältigung“ dieser neuen Situation bereitgestellte, aber nicht benötigte
Energie noch zusätzlich zu der bereits vorhandenen, nicht entladenen
Energie. Die Immobilitätsreaktion wird nicht nur chronisch, sondern wird
immer intensiver. Entsprechend häufen sich auch die Symptome. 2.2 Physiologische Veränderungen Auf somatischer Ebene lassen sich folgende Veränderungen feststellen: Auf neuroendokriner und neurochemischer Ebene ist mehrheitlich, aber nicht durchgängig, der Corticotropin Releasing Factor (CRF) erhöht, ebenso das ACTH, bei verringerter peripherer Kortisolfreisetzung. Neben noradrenerger Alteration besteht auch eine serotonerge Dysfunktion, man findet erniedrigte Konzentrationen von Tryptophan und Serotonin in Serum und Liquor. Wahrscheinlich mitbedingt durch den reduzierten Kortisolspiegel, kommt es zu vermehrter Produktion von proinflammatorischen Zytokinen wie IL-1, IL-6, TNF-a, Cyclooxygenase 2 (COX-2), Prostaglandin E2; mit diesem Phänomen könnte vielleicht auch die erhöhte Inzidenz von Autoimmunerkrankungen, die bei PTBS-Patienten zu finden ist, in Zusammenhang stehen. Weiters finden sich persistierende Muskelkontraktion und Vasokonstriktion sowie erhöhte Gamma-Motoneuronenaktivität und autonome Dysfunktionen Traumatisierungen führen auch zu anatomisch
fassbaren Veränderungen im Gehirn. Oft sind eine Atrophie im Hippocampus
sowie eine verbreiterte zentrale Schmerzrepräsentation nachweisbar. 3.
Psychische Veränderungen und klinische Symptomatik Als
Folge einer Traumatisierung kann es zu Angstzuständen, zum immer wieder
Durchleben des Traumas in Flashbacks, zu Hypervigilanz, Alpträumen,
Schlafstörungen, extremer Überempfindlichkeit, verminderter
Stresstoleranz sowie zu Dissoziation kommen (Tab.
1). Darunter versteht man ein Gefühl von Leere, ein „losgelöst
über den Dingen schweben“, eine Art von Abstumpfung, Apathie, ein „Nicht-wirklich-da-Sein“.
Die Dissoziation ist ein zentraler Begriff in der posttraumatischen Störungssymptomatik.
Sie zu erkennen, ist für die Kommunikation und für jeden therapeutischen
Kontakt mit traumatisierten Personen wesentlich. 3.1
Häufige, klinisch relevante Symptome Je
nachdem, ob eher der Sympathikus oder der Parasympathikus überwiegt,
entwickeln sich Symptome, die dem entsprechenden Teil des autonomen
Nervensystems zuzuordnen sind. Die Symptomatik kann aber auch zwischen den
beiden Polen fluktuieren. Als
sympathikoton sind
Muskelanspannung, Blutdruckerhöhung, gesteigerte Pulsrate und
Hyperventilation zu betrachten. Als parasympathikoton
gelten gastrointestinale
Symptome, Bradykardie bzw. Arrhythmie-Vulnerabilität und veränderte
Schmerzverarbeitung. Eine Reihe weiterer Symptome, die oft erst später auftreten, listet Tabelle 2 auf. Zusätzlich zur oben angeführten psychovegetativen
Symptomatik können mit der Zeit auch psychosomatische Beschwerden und
Krankheitsbilder entstehen. Dazu gehören Kopfschmerzen, Nacken- und Rückenprobleme,
Asthma, Beschwerden im Verdauungsapparat, Darmkrämpfe, chronisches
Beckenschmerzsyndrom, schweres prämenstruelles Syndrom, chronisches Müdigkeitssyndrom,
Fibromyalgie, somatoforme Störungen, insbesondere somatoforme Schmerzstörungen.
Ein Einfluss des PTBS auf Autoimmunprozesse ist ebenfalls wahrscheinlich. 4.
Traumatisierte PatientInnen in der Medizin Die medizinische Betreuung von PatientInnen, deren Beschwerden auf komplexe, chronische Traumatisierungen zurückzuführen sind, ist schwierig; hier besteht die Gefahr, durch immer neue invasive Untersuchungen und verzweifelte Therapieversuche, die 5. Cystoskopie, Uterusexstirpation bei Chronic pelvic pain, die x.te Revisionsoperation nach Discusoperation oder eine Schmerzpumpe… iatrogene Retraumatisierungen zu setzen. Diese Dynamik entsteht einerseits durch den Wunsch der Behandelnden, die PatientInnen von den unerklärlichen Symptomen zu befreien und die Schwierigkeit, die eigene Machtlosigkeit zu ertragen. Andrerseits können ÄrztInnen, wenn sie unbewusst in der Gegenübertragung agieren, in der Inszenierung des Wiederholungszwangs neuerlich eine Traumatisierung, jetzt in Form eines medizinischen Eingriffs, setzen. Eine stabile, wertschätzende Beziehung zwischen HausärztIn und PatientIn, mit Akzeptieren unserer begrenzten therapeutischen Möglichkeiten kann hier ein wichtiges Korrektiv sein. Mögliche allgemeinmedizinische Maßnahmen: Zur
Beeinflussung der Schlafstörung hat sich Trazodon als hilfreich erwiesen.
Antidepressiva, (bei Schmerzstörungen in Kombination mit Paracetamol oder
NSAR – CAVE Opioide!) können einige Zeit wirksam sein, meiner Erfahrung
nach verliert sich die Wirksamkeit der medikamentösen Therapie, wenn sie
ohne trauma- oder psychotherapeutische Maßnahmen erfolgt, häufig nach
einigen Monaten. Ausdauertraining, das allerdings extrem vorsichtig
aufgebaut werden soll, kann durch seine Stress reduzierende und Ressourcen
aufbauende Wirkung auf verschiedensten Ebenen zu einer Stabilisierung
beitragen; wichtig ist ein individuelles Vorgehen mit genauem Hinhören
auf ein eventuelles, oft kaum hörbares „ nein“ der PatientIn. 5.
Traumatherapie Da körperliche und seelische Verletzungen, „schockierende“ Erlebnisse und schreckliche, grauenvolle Ereignisse nahezu jeden Menschen und manchmal mehrmals im Leben treffen, wäre die Welt voller Menschen in einem chronischen Schockzustand, hätte nicht die Evolution einen natürlichen Weg zur Lösung des Schockzustandes in Form physiologischer Entladung angelegt. Diese Entladung lässt sich bei Tieren gut beobachten, insbesondere bei Fluchttieren (Reh, Gazelle, Pferd): bei Gefahrensignalen (Rascheln, Witterung) orientieren sie sich erst und erstarren in einer Aufmerksamkeitshaltung. Oder sie grasen beruhigt weiter, aber dann laufen deutlich sichtbar Erregungswellen wie ein Zittern über den Körper. Im schlimmsten Fall werden sie vom Raubtier geschlagen und erstarren im Totstellreflex (Freezing), mit der Chance, dass die Aufmerksamkeit des auf Jagd programmierten Raubtieres nachlässt. Dann können sie plötzlich davonrennen und sich durch diese Flucht entladen. Freezing ist in der Tierwelt ein weit verbreiteter Überlebensmechanismus. Die Entsprechung davon beim Menschen ist, dass, wenn die bedrohliche Situation mit dem „Erstarren“ im Schockzustand vorüber ist, es durch intensive Bewegung, z.B. zielloses, ungerichtetes Umherlaufen, durch eine zielgerichtete Aktivität oder durch eine physiologische Abreaktion, z.B. starkes Zittern im ganzen Körper, zu einer Entladung kommen kann. Wenn PatientInnen mit ihrer traumatischen Erfahrung therapeutisch arbeiten wollen, dann sind generelle Informationen zu Traumaphysiologie und Psychotraumatologie wichtig; zu erfahren, dass die aufgetretenen Symptome und Verhaltensweisen normale Reaktionen auf eine abnormale Situation darstellen, wirkt meistens alleine schon entlastend. Genauso wichtig ist es, in allen Formen der Arbeit mit traumatischen Erfahrungen eine stabile Vertrauensbasis herzustellen, die der PatientIn Sicherheit vermittelt, und besonders darauf zu achten, dass die Konfrontation mit den Trauma-Inhalten nicht neuerlich das Gefühl von Überwältigtwerden, Ausgeliefertsein zur Folge hat; hier entstünde wieder dieselbe physiologische Reaktion wie in der ursprünglichen traumatischen Situation, was nicht zu einer Aufarbeitung, sondern zur Retraumatisierung führt. Besonders wichtig in der Traumatherapie ist auch die
Arbeit mit Ressourcen.
Eine Ressource ist jede positive, stützende, stabilisierende
Erinnerung, jede Person, jeder Ort, jede Handlung und jede persönliche Fähigkeit,
die auf den Körper und die Psyche beruhigend wirkt. 4.1 Spezielle
Trauma-therapeutische Methoden In den meisten Psychotherapeutischen Schulen hat man
sich mit den spezifischen Erfordernissen in der Therapie traumatisierter
PatientInnen auseinandergesetzt und entsprechende Curricula entwickelt. Es
gibt aber auch spezielle Trauma-spezifische Ansätze. 4.1.1 EMDR „Eye Movement Desensitization and Reprocessing“, kurz EMDR, ist eine von Francine Shapiro entdeckte und entwickelte Methode, die durch Links-Rechts-Bewegung der Augäpfel und des Blickes oder andere rhythmisch zwischen rechts und links abwechselnde Stimuli charakterisiert ist. Wichtig ist, bevor diese einfache, aber sehr wirksame Technik angewendet wird, die Stabilisierung der Patientin, die Schaffung eines „sicheren Ortes“ und einer sicheren Vertrauensbasis. Es wird angenommen, dass durch die bilaterale
Stimulation mittels Augenbewegungen (oder auch akustischen oder taktilen
Reizen), eine Synchronisation der Hirnhälften ermöglicht wird, die bei
der posttraumatischen Belastungsstörung gestört ist. 4.1.2 PITT Die „Psychodynamisch Imaginative Trauma-Therapie“
(PITT) ist ein innovativer Therapieansatz, der von Dr. Luise Reddemann zur
Behandlung von Traumafolgestörungen entwickelt wurde und sich daher
insbesondere in der Behandlung von komplexen posttraumatischen
Belastungsstörungen, dissoziativen Störungen und Persönlichkeitsstörungen
klinisch bewährt hat. PITT integriert Elemente von angewandter
Psychoanalyse mit solchen aus der kognitiven Verhaltenstherapie und
imaginativen Verfahren sowie Prinzipien der Achtsamkeitsmeditation.
Leitend ist das Konzept der Selbstregulation und Selbstheilung. 4.1.3 SE Das „Somatic Experiencing“ (SE), von Peter Levine
entwickelt, fasst Trauma nicht als Krankheit auf, sondern als Störung des
Regulationsmechanismus des Nervensystems in der Folge einer starken
Bedrohung. „Das Nervensystem eines Traumatisierten ist nicht geschädigt,
sondern wie beim Winterschlaf erstarrt“, so das Credo. Mit dieser
Technik wird der Körper eingeladen, den physiologischen Zyklus mit der
Entladung der „Trauma-Energie“ zu vollenden und damit wieder vom
chronischen Hyperarousal zu einem ausgeglichenen physiologischen Niveau zu
kommen. 5.
Conclusio Besonders bei Menschen, die Entwicklungstraumata
durchmachen oder komplexe Traumata erleben mussten, kann Traumatherapie
keine durch kurze Zeit angewendete Technik sein, sondern sollte nur im
Rahmen einer sicheren psychotherapeutischen Beziehung stattfinden; in
einem langfristigen Prozess, am Besten auch unterstützt von einer verlässlichen,
verständnisvollen (haus-)ärztlichen Begleitung, kann langfristig das
erlebte Trauma seine allgegenwärtige tödliche Bedrohung verlieren und
das Bewusstsein, es überlebt und integriert zu haben, zur Stärkung der
Betroffenen beitragen. Dr. Elfriede Kastenberger Ärztin für Allgemeinmedizin, Psychotherapeutin Medizinische Leitung der Interdisziplinären Praxis für Fibromyalgie Vorsitzende der Austrian Association for Body Psychotherapy E-Mail: e.kastenberger@aon.at Meine Quellen: Gottfried Fischer, Lisa Haberkorn, Ursula Herrmann, Michaela Huber, Hans-Peter Kapfhammer, Peter Levine, Itta Wiedemann, Kaspar Ruegg Tab.
1: Psychische Veränderungen als Folge von Traumatisierung
Quelle:
Kastenberger Tab. 2: Weitere, oft später auftretende Symptome
bei PTBS
Quelle:
Kastenberger Kasuistik: Trauma-bedingter chronischer SchmerzFrau Regina W. wird in der Rheumasonderkrankenanstalt
zu einem vierwöchigen Kuraufenthalt aufgenommen. Seit einem „grippalen
Infekt“ mit Durchfällen vor 1,5 Jahren waren zunehmend ziehende
Gliederschmerzen an allen Extremitäten, Schmerzen am Rücken und auch
unter den Zähnen aufgetreten. Mehrere Durchuntersuchungen waren erfolgt,
anfangs war kurzzeitig die BSG erhöht gewesen. Yersinia enterocolitica 03
hatte einmal einen Titer von 1: 80, bei der Kontrolle 1:160 ergeben,
weshalb Antibiotika verabreicht wurden. Die sonstige Serologie und auch
die Kontrolle des Yersinia-Titers waren o.B. gewesen. Die Patientin hatte
sich Eigenblut-Injektionen und einer Kolon-Hydrotherapie unterzogen, die
jeweils nur zu einer kurz anhaltenden Linderung der Schmerzen geführt
hatten. Die Gabe von NSAR und Analgetika hatte ebenfalls keine längerfristige
Verbesserung gebracht. Die klinische
Untersuchung ist intern weitgehend unauffällig; auch der
Bewegungsapparat weitgehend o.B., allerdings wird bei normaler Berührung
der Haut und leichtem Druck auf die Subkutis massiver Schmerz angegeben.
Die Patientin wirkt besonders freundlich und kooperativ; es fällt ihr
schwer, ihre Anliegen und Wünsche zu formulieren, geschweige denn
durchzusetzen. Auf Befragen gibt sie Schlafstörungen an, auch
Leistungsabfall bestätigt sie ungern, verbunden mit Selbstvorwürfen. Sie
verlange viel von sich selbst, sei sehr genau und gewissenhaft und leide
sehr, wenn sie die erwartete Leistung nicht erbringen könne. Bei behutsamer
Exploration der Biographie erzählt Frau W. dann in Etappen während
des Aufenthalts, dass sie bei einer Tante aufgewachsen sei, die sie sehr
viel gestraft und geschlagen, manchmal auch geprügelt habe und bei der
sie schon von klein auf viel habe leisten müssen. Ihre Eltern hätten
„zu viele Kinder gehabt, da seien einige zu Verwandten gegeben
worden“. Therapeutische
Ansätze. Es ist möglich, den Praxisraum für Frau W. als sicheren
Ort zu etablieren; Erklärungen, die den Zusammenhang
zwischen ihren Schmerzen und den traumatisierenden Erfahrungen in ihrer
Kindheit herstellen, können auf wertschätzende Weise gegeben und damit
auch von der Patientin akzeptiert werden, die sich damit auch zum ersten
Mal in ihrem Leben in ihrem Leid gesehen und anerkannt fühlt. Bei der Teambesprechung einigen wir uns darauf, besonders behutsam mit Frau W. umzugehen; insbesondere wird sie immer wieder ermutigt, gleich zu sagen, wenn ihr etwas zu viel sei oder schmerze. Das Thema, selbst zu spüren, was sie brauche bzw. was sie nicht will, wird immer wieder mit ihr besprochen (Self-Empowerment, eigene Grenzen wahrnehmen). Nach dem Kuraufenthalt beginnt sie eine Psychotherapie bei einer Psychotherapeutin, die auch eine fundierte Trauma-therapeutische Ausbildung hat. Fibromyalgie:
WENN
ALLES IM KÖRPER WEH TUT UND BISHER NICHTS
GEHOLFEN HAT…... ….und die Patientin mit einem dicken Pack Befunde bei Ihnen Platz
nimmt – und sagt: „Jetzt hab ich schon so viel versucht, aber Sie können
mir sicher helfen“ - dann wissen Sie, es wird schwierig. Und Sie könnten wahrscheinlich schon nach den ersten Worten eine
Diagnose stellen. Damit Sie „der armen Person nicht Unrecht tun“, durchsuchen Sie ihre
Befunde: ist wirklich alles gemacht worden – oder fehlt da nicht doch
ein Labor- oder MRT-Befund, der diesen Dauerschmerz erklären könnte –
die Patientin wirkt ganz so,
als ob sie „etwas Ernsthaftes hätte“. Und in Ihnen stellen sich, abhängig von Dauer der Berufsausübung,
Burnout –Stadium, Abstand zum letzten Urlaub, Anzahl von Patientinnen
mit ähnlicher Symptomatik in Ihrer Praxis, und Ausmaß Ihres
Helfer-Syndroms Gefühle ein, die von „die anderen haben ja völlig übersehen,
dass….. Ich werde das hinkriegen (die Patientin heilen)“ bis zu „Oh
mein Gott, wie krieg ich die wieder los“ reichen können. Das Fibromyalgie-Syndrom ist wirklich „etwas Ernstes“, auch wenn es quo ad vitam wahrscheinlich keine Bedrohung darstellt. Bei einem großen Teil der PatientInnen (die Zahlen schwanken zwischen 50 und 80 %) ist es ein Hinweis auf schwerwiegende Traumatisierung in der Kindheit, eine Erinnerung des Körpers an Schläge, Missbrauch, Vernachlässigung oder massive Überforderung; und oft genug setzt sich die belastende Situation bis in die Gegenwart fort: bei vielen Patientinnen stellt sich heraus, dass sie in einer Beziehung leben, in der Gewalt und/oder Demütigung und/oder Überforderung weiter stattfindet. Oft werden diese Umstände erst im Laufe einer längeren ärztlichen oder therapeutischen Beziehung angesprochen, z.T. weil sie verdrängt sind, z.T aus Scham, und oft auch aus der Befürchtung heraus, damit nicht ernst genommen zu werden. Die Betroffenen zeigen oft bestimmte Persönlichkeitsmerkmale: einen Hang zu Perfektionismus, hohen Leistungsanspruch, erhöhten Anspruch an die Erfüllung der sozialen Rolle, geringe Selbstbehauptung; sie können nicht nein sagen, sich nicht abgrenzen, eigene Bedürfnisse nicht wahrnehmen, geschweige denn durchsetzen. Die Patientinnen leiden sehr unter ihrer stark eingeschränkten Leistungsfähigkeit, die auch häufig zu Krankenstand, vorzeitiger Pensionierung und zu sozialem Rückzug führt.Die Resultate aus der Forschung
entsprechen zu einem guten Teil denen der Psychotraumatologie. Es finden
sich Fehlfunktionen
·
im
immunologischen Bereich: Veränderungen der Zytokine,: ·
hormonell: widersprüchliche Befunde in Bezug auf die
Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenachse und im STH- Spiegel. Im EMG: verminderte Kontraktionskraft, erniedrigte Relaxation, die Balance zwischen Agonisten und Antagonisten in der Muskulatur ist gestört. In der funktionelle MRT:
Generalisierte Hypersensitivität bei zentral veränderter
Reizverarbeitung: reiner Druck auf die Haut löst im Gehirn in der
funktionellen MRT dieselbe Aktivierung wie Schmerz aus. THERAPIE:
Das Wichtigste für die PatientInnen ist es,
sich Ernst genommen zu fühlen, die Akzeptanz
ihrer Schmerzen und Beschwerden, dieses „Ja, das gibt es, und es hat
einen Namen. Nein, Sie sind nicht verrückt. Nein, Sie bilden sich das
nicht ein.“ Das definierte
Therapieziel kann, wie bei allen chronischen Schmerzerkrankungen, nicht
Schmerzfreiheit, sondern nur Besserung der Lebensqualität sein (was eine
Besserung der Schmerzen nicht ausschließen muss). Unbedingt
erforderlich: „Education“ - Aufklärung 1.: Die Patientin über die Erkrankung aufklären, v. a., dass „kein
Befund“ bedeutet, dass eine lebensbedrohliche Erkrankung ausgeschlossen
werden konnte, dass aber die Beschwerden glaubhaft sind, dass ich sie
akzeptiere und Ernst nehme. Medikamententöse
Therapie: Es gibt kein Medikament, das verlässlich
wirkt, und es wichtig, die Patientin darauf vorzubereiten, dass Sie
gemeinsam ausprobieren müssen, worauf sie persönlich anspricht. Und es
kommt selten vor, auch bei anfänglich gutem Ansprechen, dass die Wirkung
einer Medikation über längere Zeit anhält. Sehr typisch ist der
Anfangserfolg, Ärztin und Patientin sind in Hochstimmung „Endlich
geschafft!“ – aber nach wenigen Wochen ist alles beim Alten. Es ist
daher unbedingt zu empfehlen, gleichzeitig mit der medikamentösen
Therapie andere therapeutische Maßnahmen einzuleiten. Schmerzmedikation:
Empfohlen werden Paracetamol, NSAR (falls nötig mit Magenschutz),
Tramadol; relativ neu ist
eine Kombination Tramadol und Paracetamol.
Von einer Behandlung mit stark wirksamen Opioiden oder mit
Glukokortikoiden raten die Experten bei Fibromyalgie hingegen ab. Unter den
Antidepressiva ist für
Amitriptylin, Fluoxetin und
Duloxetin Wirksamkeit in Studien nachgewiesen, aber auch andere
Antidepressiva können zu einer Verbesserung von Stimmung und Lebensqualität
führen; Trazodon hat oft einen positiven Einfluss auf die Schlafqualität. Bei den Antiepileptika hat Pregabalin in
Studien Erfolge gehabt, ebenso Tropisetron. Physikalische
Maßnahmen
können unterstützend wirken, warme Bäder, bei manchen Personen auch Kälte,
TENS- und andere Elektrotherapien, Ausdauertraining (sehr vorsichtig
anfangen!) – auch hier heißt es ausprobieren. Das SELF-EMPOWERMENT – die SELBST-ERMÄCHTIGUNG der Patientin ist die Basis für jeden Behandlungserfolg: d.h. dass die Betroffenen die Erfahrung machen können, dass sie selbst ihr Leben und ihre Schmerzen beeinflussen können und aus der "erlernten Hilflosigkeit" zu Eigenkompetenz und Selbstverantwortung kommen. Dazu helfen Psychotherapie,
hier besonders die körperorientierten Richtungen und Verhaltenstherapie,
Traumatherapie und Achtsamkeitstraining
nach Jon Kabat-Zinn (she. Kasten….). Dr. Elfriede Kastenberger
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