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Fachartikel

Diese Fachartikel helfen nicht nur für ÄrztInnen beim besseren Verständnis der Fibromyalgie 

Die Sprache des Körpers verstehen
(Artikel in Medical Tribune, 1. Sept. 2010)
(Achtung: Artikel öffnet in eigenem Fenster)


Was ÄrztInnen über Trauma wissen sollten

Fibromyalgie: Wenn ALLES im Körper weh tut und bisher NICHTS geholfen hat ...

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Was ÄrztInnen über Trauma wissen sollten

(erschienen in ÄRZTEMAGAZIN Ausgabe 22/29. Mai 2008)

Schon die Definition des Traumas ist wichtig für die Herangehensweise. Aus Sicht der Autorin ist eine Definition, die sowohl physiologische als auch psychische Aspekte berücksichtigt, am Sinnvollsten.

Ein Trauma führt zu tief greifenden Veränderungen der Physiologie, der Gedächtnisstruktur und des Verhaltens der Betroffenen – und es führt auch häufig zu bestimmten Krankheitsbildern. Daher ist es für uns ÄrztInnen wichtig, Grundkenntnisse über die Forschungsergebnisse der Psychotraumatologie aus den letzen 20 Jahren zu haben.

1. Definition des Traumas

In der Psychotraumatologie wird – im Gegensatz zu anderen Definitionen, z.B. aus dem Bereich der Psychoanalyse, der Psychotherapie oder der Unfallchirurgie – ein Trauma definiert als „ein belastendes Ereignis oder eine Situation außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigen Ausmaßes (kurz oder lang anhaltend), die bei fast jedem Menschen eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde“. Nach dem DSM-IV haben die Betroffenen die Erfahrung von Todesbedrohung, Lebensgefahr oder starker Körperverletzung gemacht bzw. die Bedrohung der eigenen körperlichen Unversehrtheit oder der einer anderen Person erlebt. Eine wichtige Erweiterung der Definition lautet: „Trauma ist eine Erfahrung, die die individuellen Fähigkeiten eines Menschen, etwas auszuhalten, massiv überfordert; es übersteigt die individuelle Bewältigungskapazität, die Resilienz.“

Die darauf folgende Störung und deren Ausmaß wird damit nicht allein durch das Trauma an sich definiert, sondern vielmehr auch durch die individuelle Reaktion darauf, die eventuell auch auf eine unzureichende Verarbeitungsfähigkeit hinweisen kann.

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Einfachtrauma, Mehrfachtrauma und Entwicklungstrauma: Ein Einfachtrauma ist etwas Einmaliges, das einer Person widerfährt, eine Unterbrechung der Normalität. Bei einem Entwicklungstrauma könnte man die kontinuierliche traumatische Erfahrung, der ein Kind ausgesetzt ist, die von Vernachlässigung bis zu Misshandlungen und sexueller Gewalt im Rahmen der Familie reichen kann, als traumatische Normalität bezeichnen. Auch die Unterscheidung in unpersönliches Trauma (z.B. Naturkatastrophe), interpersonelles Trauma („man-made“) und Bindungstrauma, also durch nahe stehende Personen verursacht, ist sinnvoll.

Traumatisierend wirkt nicht nur die Bedrohung der körperlichen Integrität, sondern auch die Bedrohung der fundamental menschlichen Erfahrung, eine autonom handelnde und denkende Person zu sein. Und auch das Miterleben eines Traumas, das einer anderen Person zustößt oder das ich als ÄrztIn oder PsychotherapeutIn erzählt bekomme, kann traumatisierend wirken – man spricht hier von einem „Sekundärtrauma“.

 

2. Trauma-bedingte Veränderungen der Physiologie

2.1 Pathomechanismen

Selye verdanken wir die Erkenntnis, dass bei Stress eine typische Sequenz physiologischer Reaktionen abläuft: Die Einwirkung eines Stressors auf den Organismus führt (u.a.) zur Aktivierung des Sympathikus und damit zur Ausschüttung von Adrenalin und – durch die Aktivierung der Hypothalamus–Hypophysen–Nebennieren-Achse – zur Ausschüttung von Kortisol.
Ähnlich kommt es bei Traumatisierung zu einem typischen Ablauf in der Physiologie: Aus Beobachtungen von Säugetieren kommt die Erkenntnis, dass beim traumatischen Stress zuerst eine extrem gesteigerte sympathische Aktivierung erfolgt – man spricht von Hyperarousal, wie z.B. bei der Flucht einer Gazelle vor dem Geparden. Dann, bei unausweichlicher Lebensbedrohung, tritt das „Freeze“, die Erstarrungsreaktion, der Totstellreflex auf. Diese Reaktion beinhaltet körperliche und emotionale Anaesthesie, Immobilität und physiologische Desaktivierung sowie Dissoziation und entsteht durch maximale Aktivierung im dorsal-vagalen System. Das heißt, dass die Physiologie des Traumas durch gleichzeitig extrem hohen Sympathikotonus und Vagotonus bestimmt ist; es ist aber wahrscheinlich, dass es auch Erstarrungsmuster gibt („Kollaps“), bei denen die Hyperaktivität des Parasympathikus im Vordergrund steht und die durch Bradykardie, Hypotonie und verlangsamte Atmung gekennzeichnet sind.

Tiere in freier Wildbahn sind häufig lebensbedrohlichen Gefahren ausgesetzt, werden jedoch nicht nachhaltig traumatisiert. Sie verfügen über angeborene Mechanismen, die es ihnen ermöglichen, die hohe, im Überlebenskampf mobilisierte Trauma -Energie wieder abzubauen. Wir Menschen sind mit grundlegend gleichen Regulationsmechanismen ausgestattet, doch wird die Funktionsfähigkeit dieser instinktgeleiteten Systeme häufig durch die Umgebung und den „rationalen“ Teil unseres Gehirns gehemmt und außer Kraft gesetzt. Eine posttraumatische Störung kann man somit auch als Störung des Regulationsmechanismus des autonomen Nervensystems in der Folge einer starken Bedrohung interpretieren. Die instinktiven, biologischen Überlebensmechanismen (Kampf, Flucht und Immobilität/Erstarrungsreaktion) werden zwar initiiert, kommen aber nicht zum Abschluss.

Wenn die im „Freeze“ aufgetretene maximale Erregung des Sympathikus und Parasympathikus nicht abgeführt werden kann, weil nicht ideale Umweltbedingungen von Halten, Sicherheit, Rückzugsmöglichkeit bestehen, die für Selbstregulation erforderlich sind, kommt es zu einer Chronifizierung; der Organismus hat nicht die Möglichkeit, aus dieser vegetativen Übererregtheit und Reaktionsstarre herauszukommen und bleibt im persistierenden Hyperarousal. Damit entwickelt sich eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS; auf Englisch: Post-Traumatic Stress Disorder – PTSD).

Oft aktiviert dann jeder banale Reiz erneut die Erstarrungsreaktion; und bei jedem erneuerten Erleben der Erstarrungsreaktion addiert sich die zur „Bewältigung“ dieser neuen Situation bereitgestellte, aber nicht benötigte Energie noch zusätzlich zu der bereits vorhandenen, nicht entladenen Energie. Die Immobilitätsreaktion wird nicht nur chronisch, sondern wird immer intensiver. Entsprechend häufen sich auch die Symptome.

2.2 Physiologische Veränderungen

Auf somatischer Ebene lassen sich folgende Veränderungen feststellen: Auf neuroendokriner und neurochemischer Ebene ist mehrheitlich, aber nicht durchgängig, der Corticotropin Releasing Factor (CRF) erhöht, ebenso das ACTH, bei verringerter peripherer Kortisolfreisetzung. Neben noradrenerger Alteration besteht auch eine serotonerge Dysfunktion, man findet erniedrigte Konzentrationen von Tryptophan und Serotonin in Serum und Liquor.

Wahrscheinlich mitbedingt durch den reduzierten Kortisolspiegel, kommt es zu vermehrter Produktion von proinflammatorischen Zytokinen wie IL-1, IL-6, TNF-a, Cyclooxygenase 2 (COX-2), Prostaglandin E2; mit diesem Phänomen könnte vielleicht auch die erhöhte Inzidenz von Autoimmunerkrankungen, die bei PTBS-Patienten zu finden ist, in Zusammenhang stehen.

Weiters finden sich persistierende Muskelkontraktion und Vasokonstriktion sowie erhöhte Gamma-Motoneuronenaktivität und autonome Dysfunktionen

Traumatisierungen führen auch zu anatomisch fassbaren Veränderungen im Gehirn. Oft sind eine Atrophie im Hippocampus sowie eine verbreiterte zentrale Schmerzrepräsentation nachweisbar.

3. Psychische Veränderungen und klinische Symptomatik

Als Folge einer Traumatisierung kann es zu Angstzuständen, zum immer wieder Durchleben des Traumas in Flashbacks, zu Hypervigilanz, Alpträumen, Schlafstörungen, extremer Überempfindlichkeit, verminderter Stresstoleranz sowie zu Dissoziation kommen (Tab. 1). Darunter versteht man ein Gefühl von Leere, ein „losgelöst über den Dingen schweben“, eine Art von Abstumpfung, Apathie, ein „Nicht-wirklich-da-Sein“. Die Dissoziation ist ein zentraler Begriff in der posttraumatischen Störungssymptomatik. Sie zu erkennen, ist für die Kommunikation und für jeden therapeutischen Kontakt mit traumatisierten Personen wesentlich.

3.1 Häufige, klinisch relevante Symptome

Je nachdem, ob eher der Sympathikus oder der Parasympathikus überwiegt, entwickeln sich Symptome, die dem entsprechenden Teil des autonomen Nervensystems zuzuordnen sind. Die Symptomatik kann aber auch zwischen den beiden Polen fluktuieren.

Als sympathikoton sind Muskelanspannung, Blutdruckerhöhung, gesteigerte Pulsrate und Hyperventilation zu betrachten. Als parasympathikoton gelten gastrointestinale Symptome, Bradykardie bzw. Arrhythmie-Vulnerabilität und veränderte Schmerzverarbeitung.

Eine Reihe weiterer Symptome, die oft erst später auftreten, listet Tabelle 2 auf.

Zusätzlich zur oben angeführten psychovegetativen Symptomatik können mit der Zeit auch psychosomatische Beschwerden und Krankheitsbilder entstehen. Dazu gehören Kopfschmerzen, Nacken- und Rückenprobleme, Asthma, Beschwerden im Verdauungsapparat, Darmkrämpfe, chronisches Beckenschmerzsyndrom, schweres prämenstruelles Syndrom, chronisches Müdigkeitssyndrom, Fibromyalgie, somatoforme Störungen, insbesondere somatoforme Schmerzstörungen. Ein Einfluss des PTBS auf Autoimmunprozesse ist ebenfalls wahrscheinlich.

4. Traumatisierte PatientInnen in der Medizin

Die medizinische Betreuung von PatientInnen, deren Beschwerden auf komplexe, chronische Traumatisierungen zurückzuführen sind, ist schwierig; hier besteht die Gefahr, durch immer neue invasive Untersuchungen und verzweifelte Therapieversuche, die 5. Cystoskopie, Uterusexstirpation bei Chronic pelvic pain, die x.te Revisionsoperation nach Discusoperation oder eine Schmerzpumpe… iatrogene Retraumatisierungen zu setzen. Diese Dynamik entsteht einerseits durch den Wunsch der Behandelnden, die PatientInnen von den  unerklärlichen Symptomen zu befreien und die Schwierigkeit, die eigene Machtlosigkeit zu ertragen. Andrerseits können ÄrztInnen, wenn sie unbewusst in der Gegenübertragung agieren, in der Inszenierung des Wiederholungszwangs neuerlich eine Traumatisierung, jetzt in Form eines  medizinischen Eingriffs, setzen. Eine stabile, wertschätzende Beziehung zwischen HausärztIn und PatientIn, mit Akzeptieren unserer begrenzten therapeutischen Möglichkeiten kann hier ein wichtiges Korrektiv sein.

Mögliche allgemeinmedizinische Maßnahmen: Zur Beeinflussung der Schlafstörung hat sich Trazodon als hilfreich erwiesen. Antidepressiva, (bei Schmerzstörungen in Kombination mit Paracetamol oder NSAR – CAVE Opioide!) können einige Zeit wirksam sein, meiner Erfahrung nach verliert sich die Wirksamkeit der medikamentösen Therapie, wenn sie ohne trauma- oder psychotherapeutische Maßnahmen erfolgt, häufig nach einigen Monaten. Ausdauertraining, das allerdings extrem vorsichtig aufgebaut werden soll, kann durch seine Stress reduzierende und Ressourcen aufbauende Wirkung auf verschiedensten Ebenen zu einer Stabilisierung beitragen; wichtig ist ein individuelles Vorgehen mit genauem Hinhören auf ein eventuelles, oft kaum hörbares „ nein“ der PatientIn.

5. Traumatherapie

Da körperliche und seelische Verletzungen, „schockierende“ Erlebnisse und schreckliche, grauenvolle Ereignisse nahezu jeden Menschen und manchmal mehrmals im Leben treffen, wäre die Welt voller Menschen in einem chronischen Schockzustand, hätte nicht die Evolution einen natürlichen Weg zur Lösung des Schockzustandes in Form physiologischer Entladung angelegt. Diese Entladung lässt sich bei Tieren gut beobachten, insbesondere bei Fluchttieren (Reh, Gazelle, Pferd): bei Gefahrensignalen (Rascheln, Witterung) orientieren sie sich erst und erstarren in einer Aufmerksamkeitshaltung. Oder sie grasen beruhigt weiter, aber dann laufen deutlich sichtbar Erregungswellen wie ein Zittern über den Körper. Im schlimmsten Fall werden sie vom Raubtier geschlagen und erstarren im Totstellreflex (Freezing), mit der Chance, dass die Aufmerksamkeit des auf Jagd programmierten Raubtieres nachlässt. Dann können sie plötzlich davonrennen und sich durch diese Flucht entladen. Freezing ist in der Tierwelt ein weit verbreiteter Überlebensmechanismus. Die Entsprechung davon beim Menschen ist, dass, wenn die bedrohliche Situation mit dem „Erstarren“ im Schockzustand vorüber ist, es durch intensive Bewegung, z.B. zielloses, ungerichtetes Umherlaufen, durch eine zielgerichtete Aktivität oder durch eine physiologische Abreaktion, z.B. starkes Zittern im ganzen Körper, zu einer Entladung kommen kann.

Wenn PatientInnen mit ihrer traumatischen Erfahrung therapeutisch arbeiten wollen, dann sind generelle Informationen zu Traumaphysiologie und Psychotraumatologie wichtig; zu erfahren, dass die aufgetretenen Symptome und Verhaltensweisen normale Reaktionen auf eine abnormale Situation darstellen, wirkt meistens alleine schon entlastend.

Genauso wichtig ist es, in allen Formen der Arbeit mit traumatischen Erfahrungen eine stabile Vertrauensbasis herzustellen, die der PatientIn Sicherheit vermittelt, und besonders darauf zu achten, dass die Konfrontation mit den Trauma-Inhalten nicht neuerlich das Gefühl von Überwältigtwerden, Ausgeliefertsein zur Folge hat; hier entstünde wieder dieselbe physiologische Reaktion wie in der ursprünglichen traumatischen Situation, was nicht zu einer Aufarbeitung, sondern zur Retraumatisierung führt.

Besonders wichtig in der Traumatherapie ist auch die Arbeit mit Ressourcen. Eine Ressource ist jede positive, stützende, stabilisierende Erinnerung, jede Person, jeder Ort, jede Handlung und jede persönliche Fähigkeit, die auf den Körper und die Psyche beruhigend wirkt.

4.1 Spezielle Trauma-therapeutische Methoden

In den meisten Psychotherapeutischen Schulen hat man sich mit den spezifischen Erfordernissen in der Therapie traumatisierter PatientInnen auseinandergesetzt und entsprechende Curricula entwickelt. Es gibt aber auch spezielle Trauma-spezifische Ansätze.

4.1.1 EMDR

„Eye Movement Desensitization and Reprocessing“, kurz EMDR, ist eine von Francine Shapiro entdeckte und entwickelte Methode, die durch Links-Rechts-Bewegung der Augäpfel und des Blickes oder andere rhythmisch zwischen rechts und links abwechselnde Stimuli charakterisiert ist. Wichtig ist, bevor diese einfache, aber sehr wirksame Technik angewendet wird, die Stabilisierung der Patientin, die Schaffung eines „sicheren Ortes“ und einer sicheren Vertrauensbasis.

Es wird angenommen, dass durch die bilaterale Stimulation mittels Augenbewegungen (oder auch akustischen oder taktilen Reizen), eine Synchronisation der Hirnhälften ermöglicht wird, die bei der posttraumatischen Belastungsstörung gestört ist.

4.1.2 PITT

Die „Psychodynamisch Imaginative Trauma-Therapie“ (PITT) ist ein innovativer Therapieansatz, der von Dr. Luise Reddemann zur Behandlung von Traumafolgestörungen entwickelt wurde und sich daher insbesondere in der Behandlung von komplexen posttraumatischen Belastungsstörungen, dissoziativen Störungen und Persönlichkeitsstörungen klinisch bewährt hat. PITT integriert Elemente von angewandter Psychoanalyse mit solchen aus der kognitiven Verhaltenstherapie und imaginativen Verfahren sowie Prinzipien der Achtsamkeitsmeditation. Leitend ist das Konzept der Selbstregulation und Selbstheilung.

4.1.3 SE

Das „Somatic Experiencing“ (SE), von Peter Levine entwickelt, fasst Trauma nicht als Krankheit auf, sondern als Störung des Regulationsmechanismus des Nervensystems in der Folge einer starken Bedrohung. „Das Nervensystem eines Traumatisierten ist nicht geschädigt, sondern wie beim Winterschlaf erstarrt“, so das Credo. Mit dieser Technik wird der Körper eingeladen, den physiologischen Zyklus mit der Entladung der „Trauma-Energie“ zu vollenden und damit wieder vom chronischen Hyperarousal zu einem ausgeglichenen physiologischen Niveau zu kommen.

5. Conclusio

Besonders bei Menschen, die Entwicklungstraumata durchmachen oder komplexe Traumata erleben mussten, kann Traumatherapie keine durch kurze Zeit angewendete Technik sein, sondern sollte nur im Rahmen einer sicheren psychotherapeutischen Beziehung stattfinden; in einem langfristigen Prozess, am Besten auch unterstützt von einer verlässlichen, verständnisvollen (haus-)ärztlichen Begleitung, kann langfristig das erlebte Trauma seine allgegenwärtige tödliche Bedrohung verlieren und das Bewusstsein, es überlebt und integriert zu haben, zur Stärkung der Betroffenen beitragen.

Dr. Elfriede Kastenberger

Ärztin für Allgemeinmedizin, Psychotherapeutin

Medizinische Leitung der Interdisziplinären Praxis für Fibromyalgie

Vorsitzende der Austrian Association for Body Psychotherapy

E-Mail: e.kastenberger@aon.at

 

Meine Quellen: Gottfried Fischer, Lisa Haberkorn, Ursula Herrmann, Michaela Huber, Hans-Peter Kapfhammer,  Peter Levine, Itta Wiedemann, Kaspar Ruegg

 

Tab. 1: Psychische Veränderungen als Folge von Traumatisierung

Angstzustände, bedrängende Vorstellungen, Flashbacks

Hypervigilanz (ständiges „auf der Hut sein“), Hyperaktivität

Extreme Empfindlichkeit gegenüber Licht und Geräuschen

Übertriebene emotionale Reaktionen und Schreckreaktionen

Alpträume und nächtliches Erschrecken

Abrupte Stimmungsschwankungen, Wut- und Schamreaktionen

Verringerte Stresstoleranz

Schlafstörungen

Gefühl von Hilflosigkeit

Dissoziation

Quelle: Kastenberger

Tab. 2: Weitere, oft später auftretende Symptome bei PTBS

Unerklärliche Schmerzsyndrome

Panikanfälle und Phobien

Depression

Vermeiden bestimmter Plätze, Situationen

Vorliebe für gefährliche Situationen

Häufiges Weinen

Übertrieben starke oder verringerte sexuelle Aktivität

Unfähigkeit zu lieben, andere Menschen zu umsorgen oder dauerhafte Beziehungen zu entwickeln

Angst vor dem Tod, vor dem Verrücktwerden oder die Überzeugung, nur kurz zu leben

Essstörungen

Versagensgefühle

Tendenz zu Gewalt/Fanatismen

Migräne, Schwindel, Tinnitus

Unfallanfälligkeit wegen reduzierter Orientierungsreaktion

Suchterkrankungen

Quelle: Kastenberger

Kasuistik:

Trauma-bedingter chronischer Schmerz

Frau Regina W. wird in der Rheumasonderkrankenanstalt zu einem vierwöchigen Kuraufenthalt aufgenommen. Seit einem „grippalen Infekt“ mit Durchfällen vor 1,5 Jahren waren zunehmend ziehende Gliederschmerzen an allen Extremitäten, Schmerzen am Rücken und auch unter den Zähnen aufgetreten. Mehrere Durchuntersuchungen waren erfolgt, anfangs war kurzzeitig die BSG erhöht gewesen. Yersinia enterocolitica 03 hatte einmal einen Titer von 1: 80, bei der Kontrolle 1:160 ergeben, weshalb Antibiotika verabreicht wurden. Die sonstige Serologie und auch die Kontrolle des Yersinia-Titers waren o.B. gewesen. Die Patientin hatte sich Eigenblut-Injektionen und einer Kolon-Hydrotherapie unterzogen, die jeweils nur zu einer kurz anhaltenden Linderung der Schmerzen geführt hatten. Die Gabe von NSAR und Analgetika hatte ebenfalls keine längerfristige Verbesserung gebracht.

Die klinische Untersuchung ist intern weitgehend unauffällig; auch der Bewegungsapparat weitgehend o.B., allerdings wird bei normaler Berührung der Haut und leichtem Druck auf die Subkutis massiver Schmerz angegeben. Die Patientin wirkt besonders freundlich und kooperativ; es fällt ihr schwer, ihre Anliegen und Wünsche zu formulieren, geschweige denn durchzusetzen. Auf Befragen gibt sie Schlafstörungen an, auch Leistungsabfall bestätigt sie ungern, verbunden mit Selbstvorwürfen. Sie verlange viel von sich selbst, sei sehr genau und gewissenhaft und leide sehr, wenn sie die erwartete Leistung nicht erbringen könne.

Bei behutsamer Exploration der Biographie erzählt Frau W. dann in Etappen während des Aufenthalts, dass sie bei einer Tante aufgewachsen sei, die sie sehr viel gestraft und geschlagen, manchmal auch geprügelt habe und bei der sie schon von klein auf viel habe leisten müssen. Ihre Eltern hätten „zu viele Kinder gehabt, da seien einige zu Verwandten gegeben worden“.

Therapeutische Ansätze. Es ist möglich, den Praxisraum für Frau W. als sicheren Ort zu etablieren; Erklärungen, die den Zusammenhang zwischen ihren Schmerzen und den traumatisierenden Erfahrungen in ihrer Kindheit herstellen, können auf wertschätzende Weise gegeben und damit auch von der Patientin akzeptiert werden, die sich damit auch zum ersten Mal in ihrem Leben in ihrem Leid gesehen und anerkannt fühlt.

Bei der Teambesprechung einigen wir uns darauf, besonders behutsam mit Frau W. umzugehen; insbesondere wird sie immer wieder ermutigt, gleich zu sagen, wenn ihr etwas zu viel sei oder schmerze. Das Thema, selbst zu spüren, was sie brauche bzw. was sie nicht will, wird immer wieder mit ihr besprochen (Self-Empowerment, eigene Grenzen wahrnehmen). Nach dem Kuraufenthalt beginnt sie eine Psychotherapie bei einer Psychotherapeutin, die auch eine fundierte Trauma-therapeutische Ausbildung hat.

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Fibromyalgie: WENN ALLES IM KÖRPER WEH TUT UND BISHER NICHTS  GEHOLFEN HAT…...  
(erschienen in CliniCum NEUROPSY 2/2008)

 Artikel zum Ausdrucken

….und die Patientin mit einem dicken Pack Befunde bei Ihnen Platz nimmt – und sagt: „Jetzt hab ich schon so viel versucht, aber Sie können mir sicher helfen“ -

dann wissen Sie, es wird schwierig.

Und Sie könnten wahrscheinlich schon nach den ersten Worten eine Diagnose stellen.

Damit Sie „der armen Person nicht Unrecht tun“, durchsuchen Sie ihre Befunde: ist wirklich alles gemacht worden – oder fehlt da nicht doch ein Labor- oder MRT-Befund, der diesen Dauerschmerz erklären könnte – die Patientin wirkt ganz  so, als ob sie „etwas Ernsthaftes hätte“.

Und in Ihnen stellen sich, abhängig von Dauer der Berufsausübung, Burnout –Stadium, Abstand zum letzten Urlaub, Anzahl von Patientinnen mit ähnlicher Symptomatik in Ihrer Praxis, und Ausmaß Ihres Helfer-Syndroms Gefühle ein, die von „die anderen haben ja völlig übersehen, dass….. Ich werde das hinkriegen (die Patientin heilen)“ bis zu „Oh mein Gott, wie krieg ich die wieder los“ reichen können.

Das Fibromyalgie-Syndrom ist wirklich „etwas Ernstes“, auch wenn es quo ad vitam wahrscheinlich keine Bedrohung darstellt. Bei einem großen Teil der PatientInnen (die Zahlen schwanken zwischen 50 und 80 %) ist es ein Hinweis auf schwerwiegende Traumatisierung in der Kindheit, eine Erinnerung des Körpers an Schläge, Missbrauch, Vernachlässigung oder massive Überforderung; und oft genug setzt sich die belastende Situation bis in die Gegenwart fort: bei vielen Patientinnen stellt sich heraus, dass sie in einer Beziehung leben, in der Gewalt und/oder Demütigung und/oder Überforderung weiter stattfindet. Oft werden diese Umstände erst im Laufe einer längeren ärztlichen oder therapeutischen Beziehung angesprochen, z.T. weil sie verdrängt sind, z.T aus Scham, und oft auch aus der Befürchtung heraus, damit nicht ernst genommen zu werden.

Die Betroffenen zeigen oft bestimmte Persönlichkeitsmerkmale: einen Hang zu Perfektionismus, hohen Leistungsanspruch, erhöhten Anspruch an die Erfüllung der sozialen Rolle, geringe Selbstbehauptung; sie können nicht nein sagen, sich nicht abgrenzen, eigene Bedürfnisse nicht wahrnehmen, geschweige denn durchsetzen. Die Patientinnen leiden sehr unter ihrer stark eingeschränkten Leistungsfähigkeit, die auch häufig zu Krankenstand, vorzeitiger Pensionierung und zu sozialem Rückzug führt.

Die Resultate aus der Forschung entsprechen zu einem guten Teil denen der Psychotraumatologie. Es finden sich Fehlfunktionen

  • im neuro-endokrinologischen Bereich: Veränderung in den Spiegeln von Substanz P (i.a. erhöht), Calcitonin, Serotonin, Tryptophan, Noradrenalin, der Endorphine, Dopamin, Histamin, GABA

·                    im immunologischen Bereich: Veränderungen der Zytokine,:
IL 6, IL2 und IL1, diese beeinflussen im präfrontalen Cortex z.B. Dopamin, Noradrenalin und Serotonin, haben aber auch Einfluss auf die Bildung von Auto Antikörpern

·                     hormonell: widersprüchliche Befunde in Bezug auf die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenachse und im STH- Spiegel.

Im EMG: verminderte Kontraktionskraft, erniedrigte Relaxation, die Balance zwischen Agonisten und Antagonisten in der Muskulatur ist gestört.

In der funktionelle MRT: Generalisierte Hypersensitivität bei zentral veränderter  Reizverarbeitung: reiner Druck auf die Haut löst im Gehirn in der  funktionellen MRT dieselbe Aktivierung wie Schmerz aus.

THERAPIE:

Das Wichtigste für die PatientInnen ist es, sich Ernst genommen zu fühlen, die  Akzeptanz ihrer Schmerzen und Beschwerden, dieses „Ja, das gibt es, und es hat einen Namen. Nein, Sie sind nicht verrückt. Nein, Sie bilden sich das nicht ein.“  Das definierte Therapieziel kann, wie bei allen chronischen Schmerzerkrankungen, nicht Schmerzfreiheit, sondern nur Besserung der Lebensqualität sein (was eine Besserung der Schmerzen nicht ausschließen muss).

Unbedingt erforderlich: „Education“ - Aufklärung

1.: Die Patientin über die Erkrankung aufklären, v. a., dass „kein Befund“ bedeutet, dass eine lebensbedrohliche Erkrankung ausgeschlossen werden konnte, dass aber die Beschwerden glaubhaft sind, dass ich sie akzeptiere und Ernst nehme.

2.: Der Patientin ein verständliches und akzeptierbares Modell anbieten, wie chronischer Schmerz auch ohne körperlichen Befund entsteht oder persistiert, wie ein körperlich erlebter Schmerz seelisch bedingt sein kann.
  

Medikamententöse Therapie:

Es gibt kein Medikament, das verlässlich wirkt, und es wichtig, die Patientin darauf vorzubereiten, dass Sie gemeinsam ausprobieren müssen, worauf sie persönlich anspricht. Und es kommt selten vor, auch bei anfänglich gutem Ansprechen, dass die Wirkung einer Medikation über längere Zeit anhält. Sehr typisch ist der Anfangserfolg, Ärztin und Patientin sind in Hochstimmung „Endlich geschafft!“ – aber nach wenigen Wochen ist alles beim Alten. Es ist daher unbedingt zu empfehlen, gleichzeitig mit der medikamentösen Therapie andere therapeutische Maßnahmen einzuleiten.

 

Schmerzmedikation: Empfohlen werden Paracetamol, NSAR (falls nötig mit Magenschutz), Tramadol;  relativ neu ist eine Kombination Tramadol und Paracetamol.  Von einer Behandlung mit stark wirksamen Opioiden oder mit Glukokortikoiden raten die Experten bei Fibromyalgie hingegen ab.

Unter  den Antidepressiva ist für Amitriptylin, Fluoxetin  und Duloxetin Wirksamkeit in Studien nachgewiesen, aber auch andere Antidepressiva können zu einer Verbesserung von Stimmung und Lebensqualität führen; Trazodon hat oft einen positiven Einfluss auf die Schlafqualität.

Bei den Antiepileptika hat Pregabalin in Studien Erfolge gehabt, ebenso Tropisetron.

Physikalische Maßnahmen können unterstützend wirken, warme Bäder, bei manchen Personen auch Kälte, TENS- und andere Elektrotherapien, Ausdauertraining (sehr vorsichtig anfangen!) – auch hier heißt es ausprobieren.

Das SELF-EMPOWERMENT  die SELBST-ERMÄCHTIGUNG der Patientin ist die Basis für jeden Behandlungserfolg: d.h. dass die Betroffenen die Erfahrung machen können, dass sie selbst  ihr Leben und ihre Schmerzen beeinflussen können und aus der "erlernten Hilflosigkeit" zu Eigenkompetenz und Selbstverantwortung kommen.

Dazu helfen Psychotherapie, hier besonders die körperorientierten Richtungen und Verhaltenstherapie,  Traumatherapie und Achtsamkeitstraining nach Jon Kabat-Zinn (she. Kasten….).

Dem interdisziplinären Ansatz kommt auf Grund der Vielschichtigkeit der Erkrankung und der Therapie-Möglichkeiten und –Notwendigkeiten eine besondere Bedeutung zu, er wird in fast allen Studien gefordert.

Dr. Elfriede Kastenberger
Ärztin für Allgemeinmedizin,
Langjährige Assistenzärztin an einer Rheuma Sonderkrankenanstalt,
Psychotherapeutin,
Ärztliche Leiterin der „Interdisziplinären Praxis für Fibromyalgie“,
Vorsitzende der Austrian Association for Body Psychotherapy